Über die (Un-)Sinnhaftigkeit des Sitzenbleibens kann viel diskutiert werden. Beide Seiten haben gute Argumente. Aber das klärt nicht die große Fragen in der Bildungsforschung. Wie und wann lernt ein Schüler gerne? Wann ist sein Bildungserfolg am größten? Was ist guter Unterricht? John Hattie zufolge liegt die Antwort auf diese Frage in der Person und dem Charakter des Lehrers begründet. “Auf den guten Lehrer kommt es also an”. Alles Gerede über Reformen, individuelle Förderung und Methodenvielfalt im Unterricht ist demnach zweitrangig.
Aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus kann ich das nur bestätigen. Ich konnte mich für die Fächer begeistern, in denen ich die Lehrer mochte und diese Lehrer eine klare Struktur in ihrem Unterricht und ihrem Auftreten vermittelten. Da war z.B Herr V. Ein liebenswürdiger Englischlehrer an der Realschule. Seine Unterrichtsformen waren in den seltensten Fällen innovativ, aber er hat jedem Schüler das Gefühl vermittelt, dass er sich für ihn und sein Leben interessiert. Mit seinem britisch-geprägten Understatement und seiner höflichen Art hat er versucht, uns ein Vorbild zu sein. Rückblickend ist ihm das in dem meisten Fällen gelungen. In seinem Unterricht wurde nicht getuschelt, nicht gestört. Er wurde respektiert und geachtet. Dies galt noch viel mehr, als er auch die Klassenleitung übernahm und auch noch Geschichte und Politik unterrichtete. Nicht ohne Grund wurden dieses meine beiden Studienfächer.
Gymnasium. 12 Klasse, Geschichts-LK. Nach den Sommerferien erfuhren wir, dass nicht der einfühlsame Herr B. den LK übernehmen sollte, sondern der an der ganzen Schule für seine Strenge gefürchtet Herr S. Für mich klang das zunächst nach Weltuntergang. Aber es sollte sich als das Beste erweisen, was mir auf dem Weg zum Abitur und anschließenden Studium passieren konnte. Der Unterricht bei Herrn S. war alles andere als konventionell. Die hohen Ansprüche, die er an sein eigenes Leben anlegte, forderte er auch von seinen Schülern ein. Als vermeintlich schüchtere Schülerin war das erste Halbjahr eine Qual. Ständig trieb er mich mit Fragen und Nachfragen in die Enge, bis ich zum Teil Tränen in den Augen hatte. Die Noten waren auch nicht überragend. Aber irgendwann war mir klar, dass er mich nicht fertig machen wollte, sondern mich forderte. Er wollte, dass ich mich bis ins kleinste Detail mit dem Unterrichtsstoff auseinandersetzte, auf Genauigkeit in meinen Aussagen achtete, um ihm irgendwann Paroli bieten zu können. Sobald mir das gelang, war er hochzufrieden.
So lernte ich ihn im Laufe der zwei Jahre sehr zu schätzen und denke heute oft dankbar an ihn zurück. Wie es ihm wohl geht?
Natürlich gab es auch die absoluten Gegenteile von Herr V. und Herrn S. Lehrer, die nie einen Zugang zu ihren Schülern fanden, diesen aber auch nicht suchten und sich dann wunderten, warum vom Unterrichtsstoff nichts hängen blieb.
Seit einem halben Jahr arbeite ich selber an einer Schule. Mit vielen tollen engagierten Lehrern zusammen. Und, soweit ich das bisher sagen kann, trifft Hatties These hier voll zu. Die Lehrer, die eine klare Struktur erkennen lassen, ihre Schüler achten, sich bei ihnen aber nicht anbiedern, sind diejenigen, die die meisten Schüler begeistern und mitreißen. Das schlägt sich dann auch in den Noten wider.
