“Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl”, so singt Herbert Grönemeyer in einer seiner schönsten Balladen. Vielleicht hat er Recht. Aber für mich ist Heimat dennoch ein ganz bestimmter Ort. Ein Ort, mit dem ich letztendlich so intensive Gefühle verbinde, dass die Grönemeyer’sche Zeile doch wieder Sinn macht.
Der Ort, der in mir die stärksten Heimatgefühle wachruft, ist das Hochsauerland. Eine Mittelgebirgsregion im Südwesten Nordrhein-Westfalens. Das Land der 1000 Berge. Das Land der Schützenfeste. Das Land der Ruhrquelle. Das Land der Münteferings und Merzes. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe dort meine ersten Partys gefeiert, mich zum ersten Mal verliebt und auch wieder entliebt. Meine Familie lebt zum großen Teil dort und auch viele meiner Freunde wohnen immer noch (oder wieder) in einem der zahlreichen kleinen Dörfer. Ich selber habe das Hochsauerland schon vor mehreren Jahren hinter mir gelassen und werde auch in absehbarer Zukunft nicht wieder zurückkehren.
Mich hat das Stadtleben gepackt. Ich mag meine hessische Großstadt. Die Infrastruktur ist perfekt ausgebaut, viel besser als im Sauerland. Das kulturelle Angebot ist riesig, viel größer als im Sauerland. Ich habe hier tiefe Freundschaften geschlossen, vergleichbar mit denen im Sauerland. Ich bin glücklich und zufrieden hier. Hier ist mein Zuhause. Aber dies hier ist nicht meine Heimat.
Spätestens nach vier Wochen Stadtleben packe ich mir meinen Rucksack, setze mich in den Zug und fahre zurück “in die Berge”. Meine Berge. Meist höre ich bereits ab Siegen die ersten Stimmen mit tiefem sauerländischen Einschlag und dann reißt es mir das Herz auf. Es ist nicht nur das kleine Wörtchen “woll”, auf das wir Sauerländer uns alle einigen können und das auch noch bis ins Ruhrgebiet zu hören ist. Es sind vor allem die vielen kleinen Nuancen, die aus der “Oma” eine “Omma” machen. Oder aus dem “Sofa” ein “Soffa”. Und wenn ich das Wort “malochen” höre, gerate ich vollkommen in Verzückung.
Aber es nicht nur die Sprache. Es sind vor allem die Menschen selber, die dieses starke Heimatgefühl in mir wachrufen. Mir ist klar, dass der “Hochsauerländer an sich” nicht besser oder schlechter ist als der Franke, der Ostfriese, der Berliner oder der Schwabe. Auch im Sauerland gibt es die Idioten, die Unbelehrbaren, die Arroganten. Aber wenn ich heim komme, in mein kleines Dorf mit den knapp 40 Einwohnern und eben einem dieser Einwohner begegne, dann fühle ich “Heimat”. Diese Menschen kennen mich seit meiner Geburt, sie kennen meine Familie, sie haben teilgenommen an so vielen kleinen oder großen Ereignissen in meinem Leben. Sie erinnern sich daran, wie ich mit meinen Geschwistern und Freunden Staudämme in unserem kleinen Bach gebaut und stundenlang Verstecken gespielt habe, Kühe geholt habe, Fahrradfahren gelernt habe, mein erstes Schützenfest gefeiert habe, mich für die erste Liebe blamiert habe… die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und das schönste ist: Ich weiß all diese oder ähnliche Dinge ebenfalls über meine Nachbarn. Von manch’ einem Stadtbewohner musste ich mir schon anhören, dass es doch gerade diese “nicht-vorhandene” Privatsphäre sei, die das Landleben so unattraktiv mache. Klar, ich sehen diesen schmalen Grat und verstehe ihn. Aber als geselliger Mensch, nehme ich es gerne in Kauf, dass sich mal der ein oder andere das Maul über mich zerreißt. Viel schlimmer ist es für mich, in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus zu leben und nichts über meine Nachbarn zu wissen. Oder immer wieder überrascht zu sein, über die fremden Gesichter im Treppenhaus.
Da gehe ich doch lieber mal spontan zu meinen sauerländischen Nachbarn, ohne mich ankündigen zu müssen. Trinke Kaffee oder ein Bier, helfe nebenher im Garten und quatsche vertraut über die neuesten Entwicklung im Dorf und der Welt.
Und dann noch diese Natur! Ich gehe ein paar Schritte aus dem Dorf und stehe im tiefen Wald oder auf einer wunderschönen Wiese. Da steht eine Kuh, dort drüben ein Reh. Beim Joggen stehen zwar ständig Berge im Weg, aber wenn ich dann hechelnd einen dieser Berge erklimme und von dort den Blick in die Täler schweifen lasse, könnte ich vor Freude heulen.
Vertrautheit. Das ist wohl das Wort, mit dem sich mein Heimatgefühl am besten beschreiben lässt. Vielleicht ist es auch nur ein romantisch verklärtes Gefühl, das mich an meine Kindheit und Jugend erinnert. Das mir Sicherheit, Halt und Orientierung gibt, in Zeiten, die auch für mich persönlich schnell und unsicher sind. Vielleicht werde ich das Gefühl der Vertrautheit auch irgendwann für einen anderen Ort empfinden. Wer weiß, was kommt. Aber bis dahin bleibt das Sauerland mein Ort, mein Gefühl, meine Heimat. Woll?!


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Heimat … ich kann deine Zeilen gut nachvollziehen. Ich hab’s für mich so definiert: “alte Heimat”, in Niedersachsen, bei Peine (WK von Hubi, daher kenne ich ihn auch gut), dort wo ich geboren bin und mein “erstes Leben” verbracht habe, und jetzt nach meinem “Ausstieg” die “neue Heimat” in Ostholstein (Scharbeutz), eine Gegend die ich schon von Kindesbeinen an kenne und auch schon immer Freunde hatte.
“Alles hat seine Zeit” http://sven2204.wordpress.com/2012/05/01/alles-hat-seine-zeit/ es ist so …!
PS.: auf deinen Blog bin ich über Twitter gestoßen, dein Retweet von Hubi.
Noch mal viele Grüße ^^