Der Boss ist zurück. Obwohl er eigentlich gar nicht weg war. Sein letztes Studioalbum “Working a a dream”, der Soundtrack zu Obamas Amtsantritt, erschien 2009 und war verbunden mit einer Welttour, die den wohl populärsten Rockstar der letzten Jahrzehnte auch auf deutschen Bühnen brachte. 2010 erschien unter dem Titel “The Promise: The Darkness on the Edge of Town Story” eine CD/ DVD-Box mit einer remasterten Version des Albums “Darkness on the Edge of Town” (1978) sowie einer Vielzahl bisher unveröffentlichten Materials aus den 1970er Jahren.
Für den gemeinen Fan war die Zeit bis zum nächsten Studioalbum daher nicht schwer zu überbrücken. Nun ist es seit einer Woche auf dem Markt. Es heißt “Wrecking Ball” (Abrissbirne) und ist wohl das Beste, was Springsteen seit geraumer Zeit zuwege gebracht hat.
Er ist wütend und enttäuscht. Enttäuscht von Obama und all’ den Hoffnungen, die in den US-Präsidenten gesetzt wurden. An dessen Messias-ähnlicher Überhöhung Springsteen aber auch selbst, durch Auftritte im 2008er Wahlkampf des Demokraten und während der Inauguration Obamas, seinen Anteil hat. “I been knocking on the door that holds the throne [...] The road of good intentions has gone dry as a bone”. So klingt es in der ersten Singleauskopplung “We take care of our own”. Ein Lied, das von Teilen wieder genauso missverstanden wird wie seinerzeit “Born in the USA”.
Seine Wut über das verkommene Banken- und Finanzsystem, das die Großen laufen lässt, während die Kleinen für deren Verbrechen bluten müssen, schimmert in den folgenden Liedern immer wieder durch. “Gambling men rolls the dice, working man pays the bill”, “Up on banker’s hill the party’s going strong” (Shackeld and drawn) oder “Send the robber barons straight to hell, The greedy thieves who came around and ate the flesh of everything they found. Whose crimes have gone unpunished now who walk the streets as free men now” (Death to my hometown).
Dass Springsteen sich dabei immer wieder auf die Seite des kleinen Mannes schlägt, sich mit ihm identifiziert, den Blue-Collar Worker als Opfer stilisiert, mag dem ein oder anderen befremdlich erscheinen. Springsteen, der Multimillionär. Aber diese Parteinahme ist kein neues Phänomen, sondern zieht sich durch das gesamte Springsteen’sche Werk und ist gleichzeitig wohl einer der wesentlichen Gründe für seinen anhaltenden Erfolg.
Trotz der Wut und Hoffnungslosigkeit, ist “Wrecking Ball” kein trauriges Album. Dies liegt vor allem an der kraftstrotzenden Musik. Es wird nicht gespart am Einsatz von Schlagzeug und lauten Bläsern. Wem die Bob Seeger-Sessions gefielen, der kommt spätestens in “Death to my hometown” voll auf seine Kosten. Musikalische Einfallslosigkeit kann man dem Boss wirklich nicht vorwerfen, sogar eine weibliche Rappeinlage gibt es in “Rocky Ground”. Im Gegensatz zur letzten Platte, werden die Lieder von “Wrecking Ball” auch live ordentlich abgehen!
Ein letztes Mal dürfen wir auch den verstorbenen Saxophonisten “The Big Man” Clarence Clemons hören. In “Land of Hope an Dreams”, einem Lied, das Springsteen bereits 1999 schrieb. Er wird fehlen, insbesondere bei der im Sommer folgenden Tournee.
Aber Springsteen wäre nicht Springsteen, wenn er uns nicht auch die Hoffnung auf bessere Zeiten geben würde. “Now the morning sun, the morning sun is breaking”, heißt es am Ende von “This Depression”.
“Hard times come and hard times go.” So brutal einfach ist es.
Tracklist “Wrecking Ball”
1. We take care of our own
2. Easy money
3. Shackeld and drawn
4. Jack of all trades
5. Death to my hometown
6. This depression
7. Wrecking ball
8. You’ve got it
9. Rocky ground
10. Land of hope and dreams
11. We are alive