Der perfekte Wallander

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Aus keinem aktuellen Anlass, einfach weil ich gerade mal wieder einen  Wallander gelesen habe, stellt sich mir die Frage: „Welcher Schauspieler verkörpert den schwedischen Kommissar aus Mankells Feder denn eigentlich am besten?“

Eine Frage, die außer mir wahrscheinlich niemanden sonderlich interessiert, aber ich thematisiere sie dennoch an dieser Stelle. Ich gehöre nämlich zu den wenigen Wallander-Fans, die nicht von den Bücher zu den Verfilmungen gekommen sind, sondern den umgekehrten Weg genommen haben.

Im zarten Alter von 17 Jahren habe ich gemeinsam mit meiner krimibegeisterten Mutter eines schönen Sonntagabends im Winter den Mehrteiler „Die fünfte Frau“ in meinem heiß und innig geliebten ZDF schauen dürfen. Dabei ging es meiner Mutter wohl weniger darum, mir das skandinavische Krimigenre näher zu bringen, als vielmehr darum, zu nachtschlafender Zeit nicht alleine einen nervenzerreißenden Thriller anschauen zu müssen.

Groß, leicht übergewichtig, blond, mürrisch, melancholisch verletzlich. So kam der Film-Wallander der späten 1990er und frühen 2000er Jahre daher. Meisterhaft verkörpert durch den schwedischen Schauspieler Rolf Lassgård. Ein Mann wie ein Baum. Mit einer Leinwandpräsenz, die nicht nur in den Wallander-Verfilmungen ihresgleichen sucht. Er zeigte uns den Ystadter Kommissar mit seinen unzähligen Schwächen und (nur auf den ersten Blick) wenigen Stärken. Nicht selten unausstehlich und unsympathisch, egoistisch und eigenbrötlerisch. Eingebettet in die scheinbar endlosen schonischen Felder und Wälder, schilderten die Drehbücher das mörderische Treiben rund um Ystad. Manchmal etwas experimentell in der Kameraführung (Die falsche Fährte) und übertrieben in der Darstellung des Privatlebens des Kommissars, lieferte Rolf Lassgård in den 8 Verfilmungen eine einzigartige Performance. Mit diesen Bildern im Kopf las ich die Bücher und konnte mir niemand anderes als Lassgård in der Rolle des Kommissars vorstellen.

Und dann das. Ein anderer schwedischer Schauspieler tauchte plötzlich in der ARD ebenfalls in der Rolle des Wallander auf. Krister Henriksson, fast schlank, braunhaarig, klein. Das sollte Kurt Wallander sein? Niemals. Hoch anzurechnen ist der schwedischen Produktionsfirma, dass Krister Henriksson  gar nicht wirklich in Konkurrenz zu Rolf Lassgård treten musste. Denn dieses Mal wurden nicht die bekannten und veröffentlichten Krimis von Henning Mankell verfilmt, sondern andere unveröffentlichte Geschichten des Autors als Vorlage verwendet. Auch er, wie Lassgård, ein populäres schwedisches Gesicht und ein Mime mit langjähriger Theatererfahrung. Richtig warm geworden bin ich mit Henrikssons Wallander nie. Ob es nun an dessen Darstellung oder an den Drehbüchern lag, ist mir nie bis jetzt noch nicht klar geworden. Positiv hervorzuheben ist aber, dass die Nebenrollen in diesen Verfilmungen an Bedeutung gewonnen haben. Mit der dritten und letzten Staffel, die derzeit gedreht wird, gebe ich Henriksson auf jeden Fall noch einmal eine neue Chance.

Tja, dann bleibt nur noch einer übrig. Meist sind es ja die Amerikaner, die ihre Finger nicht von einem guten Stoff lassen können und meinen, diesen trotz bestehender exzellenter Originalfilme, noch einmal in Hollywood-Popcorn-Kino-Format verfilmen zu müssen. Siehe Millenium-Triologie. Aber im Fall des Wallanders kam kein amerikanisches Studio auf diese Idee, sondern die britische BBC. Mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle. Was? Kenneth Branagh? Der Shakespeare-Mime und Olivier-Nachfolger soll einen schwedischen Kommissar spielen? In Schweden, auf Englisch? Das kann doch nur schiefgehen!! Dachte ich in meiner überheblichen Lassgård-Verehrung.

Aber wie so oft: Erst gucken, dann urteilen. Was die BBC und Kenneth Branagh da seit 2009 in mittlerweile neun Filmen gedreht und produziert haben, ist allerbeste Unterhaltung. Auch wenn hier wieder auf die Orginalkrimis von Mankell zurückgegriffen wird, kopiert Branagh zu keinem Zeitpunkt Lassgård. Er erfindet Wallander neu, lässt ihn körperlich, aber vor allem seelisch furchtbar leiden, an die Grenzen der Belastbarkeit gehen und gönnt ihm keine Ruhe. Besonders die ersten drei Filme (Mittsommermord, Die Brandmauer und Die falsche Fährte) sind moderne Krimis auf einem Spitzennieveau, wie sie im Moment wohl nur die BBC zustande bringt. Und, dass Branagh einfach – ebenso wie seinen schwedischen Kollegen – ein Schauspieler mit unglaublichen Fähigkeiten ist, muss dem Kenner nicht extra mitgeteilt werden. Er hat längst nicht die Statur und Dominanz wie Lassgård, aber durch seine Feinfühligkeit, macht er diesen Umstand mehr als wett.

Wer ist denn nun der Beste? Ich kann es nicht abschließend beurteilen. Lassgård und Branagh sind – jeder für seine Zeit – die perfekte Besetzung. Diese starke Figur, die Mankell da über die Jahre entwickelt hat, benötigt einen starken Schauspieler, der es mit ihr aufnehmen kann. Dieses Kriterium erfüllen alle drei Künstler. Jeder auf seine Art. Schaut sie euch an und versucht, euch selbst ein Urteil zu bilden. Ich kann es nicht.

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